Influencer Marketing
Die türkische Zielgruppe in Deutschland verstehen
Die größte Einwanderungs-Community des Landes wird in Mediaplänen selten eigenständig behandelt. Ein Blick auf Größe, Verteilung und Mediennutzung.
Wer in Deutschland Zielgruppen plant, arbeitet meist mit Alter, Region und Interesse. Die Sprache, in der jemand Medien konsumiert, taucht in vielen Mediaplänen gar nicht auf. Genau dort entsteht eine Lücke, die sich nicht mit mehr Budget schließen lässt, sondern nur mit anderen Absendern.
Dieser Beitrag sammelt, was sich über die türkischsprachige Zielgruppe in Deutschland belastbar sagen lässt, wo die Zahlen herkommen und welche Schlüsse daraus für Kampagnen tatsächlich folgen. Wir aktualisieren ihn jährlich.
Aktualisiert am 09.08.2026
Inhaltsverzeichnis
- Wie groß die Zielgruppe ist
- Wo diese Community lebt
- Kaufkraft und Konsumverhalten
- Zweite und dritte Generation
- Mediennutzung zwischen zwei Sprachen
- Warum klassische Kampagnen daran vorbeilaufen
- Was daraus für Marken folgt
- Grenzen dieser Zahlen
- Häufige Fragen
Wie groß die Zielgruppe ist
In Deutschland leben nach den gängigen Auswertungen rund drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Das ist die größte Einwanderungs-Community des Landes. Die Zahl setzt sich aus zwei Gruppen zusammen, die statistisch getrennt geführt werden: Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit und Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit und türkischer Herkunftsgeschichte.
Für Marketingzwecke ist die zweite Gruppe oft die interessantere. Sie ist in der Regel seit Jahrzehnten oder seit Geburt in Deutschland, spricht beide Sprachen und trifft Kaufentscheidungen für einen Haushalt, der beide Medienwelten nutzt. Wer nur auf die Staatsangehörigkeit schaut, unterschätzt die Zielgruppe deutlich.
Quelle: Mediendienst Integration und Statistisches Bundesamt, Auswertungen zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund.
Wo diese Community lebt
Die Verteilung ist alles andere als gleichmäßig. Der Schwerpunkt liegt in den alten Industrie- und Zuwanderungsregionen sowie in den großen Städten. Das Ruhrgebiet bildet in der Summe die größte Konzentration, gefolgt von Berlin, dem Rhein-Main-Gebiet, der Region Stuttgart und dem Großraum Köln.
Für Kampagnen bedeutet das: Eine bundesweite Streuung ist selten die sinnvollste Ausgangslage. Häufig sind einige wenige Städte für ein Angebot relevant, und dort lohnt sich eine dichtere Belegung. Für die zehn Städte, in denen wir am häufigsten arbeiten, haben wir die lokale Ausgangslage einzeln beschrieben, unter anderem für Berlin, Köln, Duisburg und Frankfurt.
Bemerkenswert ist außerdem die Konzentration innerhalb der Städte. Community, Handel und Gastronomie liegen häufig in wenigen Stadtteilen dicht beieinander. Ein Creator aus einem dieser Viertel erreicht ein Publikum, das nicht nur demografisch passt, sondern auch physisch in der Nähe des Ladens wohnt.
Kaufkraft und Konsumverhalten
Die Kaufkraft der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland wird auf rund 18 Milliarden Euro geschätzt. Das ist kein Nischenmarkt, sondern eine Größenordnung, die in vielen Branchen über dem gesamten Jahresumsatz mittelständischer Anbieter liegt.
Quelle: DATA4U Zielgruppenforschung, Erhebungen zur Kaufkraft der türkischstämmigen Bevölkerung.
Aus der Praxis kommen drei Beobachtungen dazu, die wir bewusst als Beobachtung und nicht als Statistik kennzeichnen. Erstens ist die Empfehlung im persönlichen Umfeld ein sehr starker Kanal, oft stärker als Bewertungen im Netz. Zweitens spielen Haushalt und Familie bei größeren Anschaffungen häufiger eine gemeinsame Rolle. Drittens sind Anlässe wie Hochzeiten, Feiertage und Familienfeiern wirtschaftlich deutlich sichtbarer als in der Gesamtbevölkerung, was ganze Branchen von Brautmode bis Catering trägt.
Zweite und dritte Generation
Der häufigste Planungsfehler ist, die Zielgruppe als eine Gruppe zu behandeln. Zwischen den Generationen liegen unterschiedliche Sprachgewohnheiten, unterschiedliche Kanäle und unterschiedliche Kaufanlässe.
Die erste Generation, also die in den Anwerbejahren zugezogenen Menschen und ihre unmittelbaren Angehörigen, nutzt häufiger türkischsprachiges Fernsehen und persönliche Netzwerke. Sie ist über soziale Netzwerke erreichbar, aber selten über die Formate, die dort für jüngere Zielgruppen entwickelt wurden.
Die zweite Generation ist in Deutschland aufgewachsen, arbeitet auf Deutsch und wechselt privat in die türkische Medienwelt. Sie trifft heute die meisten Kaufentscheidungen im Haushalt, oft auch für die Elterngeneration mit. Für Marken ist das die zentrale Gruppe, und sie ist genau die Gruppe, die eine reine Übersetzung sofort erkennt.
Die dritte Generation nutzt beide Sprachen situativ und folgt Creatorn eher wegen des Themas als wegen der Sprache. Hier funktionieren Humor, Alltag und Musik besser als Herkunftsbezüge, die für diese Altersgruppe keine Rolle mehr spielen.
Praktisch heißt das: Die Generation entscheidet über Kanal, Tonfall und Sprache, nicht über die Frage, ob sich die Zielgruppe überhaupt lohnt. Wir legen sie deshalb im Briefing genauso fest wie Region und Anlass.
Mediennutzung zwischen zwei Sprachen
Der entscheidende Punkt für Kampagnen ist nicht die Größe der Gruppe, sondern ihr Medienverhalten. Ein erheblicher Teil der Zielgruppe konsumiert Unterhaltung, Nachrichten und Alltagsinhalte in beiden Sprachen und wechselt je nach Thema.
Praktisch heißt das: Nachrichten aus dem Wohnort werden oft auf Deutsch gelesen, Unterhaltung, Musik und Familienthemen häufig auf Türkisch. Soziale Netzwerke sind dabei kein Nebenkanal, sondern der Hauptzugang. Ein Beitrag auf Türkisch von einer bekannten Person aus derselben Stadt erreicht diese Zielgruppe zuverlässiger als eine übersetzte Anzeige.
Genau hier setzt Influencer Marketing an. Der Creator liefert nicht nur Reichweite, sondern auch den kulturellen Kontext, in dem eine Botschaft nicht fremd wirkt.
Warum klassische Kampagnen daran vorbeilaufen
Drei Muster sehen wir immer wieder.
Das erste ist die reine Übersetzung. Eine deutsche Kampagne wird ins Türkische übertragen, ohne dass sich Bildsprache, Anlass oder Tonfall ändern. Das Ergebnis wirkt korrekt und trotzdem fremd, weil die Referenzen nicht stimmen.
Das zweite ist die falsche Kanalannahme. Wer die Zielgruppe über klassische Aussteuerung nach Alter und Region anspricht, erreicht sie in derselben Umgebung wie alle anderen. Der Vorteil, in einer sprachlich eigenen Medienwelt sichtbar zu sein, bleibt ungenutzt.
Das dritte ist der einmalige Auftritt. Eine einzelne Kooperation erzeugt in dieser Community selten Wirkung. Vertrauen entsteht über Wiederholung, und die stärksten Ergebnisse sehen wir bei Kooperationen, die über mehrere Monate laufen.
Was daraus für Marken folgt
Aus den Zahlen lassen sich vier Konsequenzen ableiten, die sich in der Praxis bewährt haben.
Erstens: regional zuschneiden statt bundesweit streuen. Die Verteilung der Community macht wenige Städte deutlich wertvoller als den Durchschnitt.
Zweitens: zweisprachig produzieren statt übersetzen. Der beste Beitrag entsteht, wenn der Creator die Botschaft in seiner eigenen Sprache formuliert und die Marke nur die Eckpunkte vorgibt.
Drittens: auf Anlässe planen. Ramadan, Bayram, Hochzeitssaison und Schulferien verschieben die Nachfrage in vielen Branchen deutlich stärker als der allgemeine Werbekalender.
Viertens: Wiederholung einplanen. Ein Budget, das auf drei kleinere Kooperationen über ein Quartal verteilt wird, bringt in dieser Community meist mehr als eine einzelne große Aktion.
Wie wir das in konkrete Kampagnen übersetzen, beschreibt unsere Seite zum Influencer Marketing für die türkische Zielgruppe. Wer zuerst die rechtliche Seite klären will, findet die Anforderungen im Leitfaden zur Werbekennzeichnung.
Grenzen dieser Zahlen
Wir halten die Einschränkungen bewusst fest, weil in diesem Themenfeld viele Zahlen ohne Quelle zirkulieren.
Die Bevölkerungszahlen stammen aus amtlichen Auswertungen, die unterschiedliche Definitionen verwenden. Je nachdem, ob Staatsangehörigkeit, Geburtsland oder Herkunftsgeschichte gezählt wird, ergeben sich abweichende Summen. Wir nennen deshalb Größenordnungen und keine Nachkommastellen.
Die Kaufkraftschätzung ist eine Marktforschungsgröße und keine amtliche Statistik. Sie eignet sich für die Einordnung der Größenordnung, nicht als Rechengrundlage für einen einzelnen Betrieb.
Die Aussagen zur Mediennutzung beruhen auf veröffentlichten Untersuchungen und auf unserer eigenen Kampagnenerfahrung. Wir kennzeichnen im Text, was Beobachtung und was Erhebung ist.
Häufige Fragen
Ist die türkischsprachige Zielgruppe eine homogene Gruppe? Nein. Zwischen einer Familie in dritter Generation im Ruhrgebiet und einer erst kürzlich zugezogenen Fachkraft in München liegen Welten. Deshalb planen wir nach Stadt, Anlass und Thema statt nach Herkunft allein.
Reicht es, Anzeigen auf Türkisch auszuspielen? Selten. Die Sprache ist die Eintrittskarte, nicht die Botschaft. Ohne passenden Absender und passenden Anlass bleibt die Wirkung gering.
Sind Micro-Creator oder große Accounts sinnvoller? Für lokale Betriebe fast immer Micro-Creator mit klarer Ortsbindung. Für bundesweite Marken ist eine Mischung sinnvoll, bei der große Accounts Bekanntheit liefern und lokale Accounts die Nachfrage vor Ort auslösen.
Wie messen wir den Erfolg? Über Reichweite und Interaktion hinaus zählen Anfragen, Reservierungen, Gutscheincodes und Wegbeschreibungen. Wir legen die messbare Größe vor dem Start fest, damit die Auswertung nicht im Nachhinein konstruiert wird.
Wie oft aktualisiert ihr diesen Beitrag? Einmal jährlich, sobald neue Auswertungen der genannten Quellen vorliegen. Das Datum oben zeigt den letzten Stand.